Verabschiedung von Helmut Sauler

Helmut Sauler wurde nach fast einem viertel Jahrhundert als Leiter des Nachbarschaftshauses verabschiedet

Ein Leben für die Jugend – der Sozialarbeiter mit Herz geht

Von MM-Redaktionsmitglied Konstantin Groß
 

Er geht so unprätentiös, wie er gewirkt hat. Nicht mit Lachshäppchen, sondern mit bayrischem Leberkäs; nicht bei einem Festakt mit Amts- und Mandatsträgern, sondern mit persönlichen Weggefährten der vergangenen Jahrzehnte. Und dies, obwohl sein Abschied eine Zäsur ist - sowohl für die Einrichtung, der er vorsteht, als auch für den Stadtteil, in dem sie liegt: Nach fast 25 Jahren als Leiter des Nachbarschaftshauses Rheinau wird Helmut Sauler heute Vormittag offiziell verabschiedet. 

Vorab treffen wir den Jubilar zum Gespräch. Natürlich vor Ort. Und auch dies nicht in seinem Büro, sondern in dem Raum, in dem die Jugendlichen abends zusammenkommen, um zu quatschen - um zu "chillen", wie das Neudeutsch heißt. Eine gelbe Ledercouch lädt dazu ein.
Start am 2. Mai 1989

Vor fast 25 Jahren wird er hier Chef, als die Stelle frei wird, weil der bisherige Leiter Volker Trippmacher im Jugendamt aufsteigt. Am 2. Mai 1989 fängt er an. Das 1962 im Bauhaus-Stil errichtete Gebäude begeistert ihn von Anfang an, vor allem wegen des riesigen Freigeländes, das damals noch unbebaut ist. Er formt sein Team: mit Regina Grunert, die schon da ist, und Willie Johnson, den er von der Vogelstang holt, ein Fachmann in Medien (heute sein Vize).

Denn die Veränderung der Medienwelt ist ein wesentlicher Faktor, der die Jugendarbeit prägt. "Heutzutage hat jeder Handy, PC und Video", sagt Sauler. Die Möglichkeit, sich selbst zu beschäftigen, ist größer als früher. Mit Ausflügen ins Schwimmbad oder Fahrradtouren lockt man heute kaum jemanden an. Da muss man sich mehr einfallen lassen.

Auch die Klientel hat sich verändert. Anfangs ist der Besuch von Jugendlichen aus bürgerlichen Familien noch häufiger. Als Sauler beginnt, liegt der Migranten-Anteil bei "nur" 50 Prozent (wobei die zumeist völlig assimilierten Italiener schon mitgezählt sind), heute bei 80 Prozent. "Das verändert natürlich das Anforderungsprofil an unsere Arbeit."

Doch die Einrichtung an sich, die sei gleichwohl oder gerade deshalb unverzichtbar. Das Haus ist nach wie vor Treffpunkt. "Wie oft höre ich", berichtet Sauler, "wenn die Jungs mit dem Handy ihre Freunde anrufen und sagen: 'Kommst Du rüber, ich bin gerade im Nachbar'". "Nachbar" - so lautet das SMS-taugliche Kürzel für diese Einrichtung.

Auch im Stadtteil ist das Haus optimal vernetzt. Die von Sauler begründete Stadtteilkonferenz führt zwei Mal im Jahr alle Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit zusammen. Und richtig glücklich ist er, dass jenes Areal um "sein" NBH dank Kinderhaus, Lebenshilfe-Kindergarten und Familienzentrum zu einem sozialen Herzen geworden.

Natürlich bleiben Wünsche: Öffnungszeiten in Ferien und an Wochenenden, bisher in diesem Haus mit dem ehrenamtlichen Sonntags-Café umgesetzt, sieht er für die Zukunft als dringend notwendig an.

Dass ihm die Arbeit hier Spaß gemacht hat, dass er Sozialarbeiter mit ganzem Herzen ist, das zeigt die Tatsache, dass er bis zur Pensionierung durchhält. Sein Alter hat er nie als Problem für die Jugendarbeit gesehen. Im Gegenteil: "Man ist dadurch viel gelassener als junge Kollegen." Und gerade als Mann in fortgeschrittenem Alter hat er nie Autoritätsprobleme. Und für sich nimmt er mit: "Der Kontakt mit jungen Menschen hat mich selbst jung gehalten."

© Mannheimer Morgen, Freitag, 22.03.2013   (Veröffentichung mit Genehmigung von Herrn Groß)

 

Rheinau: Nachbarschaftshaus-Chef Helmut Sauler verabschiedet

„Wenn zwei Elefanten Ball spielen, leidet das Gras“

Von MM- Redaktionsmitglied Konstantin Groß

Helmut Sauler (3. v. l.) mit einigen seiner Abschieds-Gäste, unter ihnen sein Vize Willie Johnson (2. v. r.) sowie Udo Manz (3. v. r.) vom NBH-Förderverein.©  Rittelmann

Sozialarbeiter und jene, die in der Jugendhilfe tätig sind, haben in ihrer beruflichen Tätigkeit nicht immer nur Grund zur Freude. Zu oft sind sie mit den Schattenseiten der Gesellschaft konfrontiert. Umso mehr freut es sie, Menschen um sich zu haben, die für sie ein Fels in der Brandung, ja ein Vorbild, sind. Als solches jedenfalls wurde Helmut Sauler gewürdigt, als er jetzt nach 24 Jahren als Leiter des Nachbarschaftshauses Rheinau verabschiedet wurde (wir berichteten).

Im Namen der Stadt würdigt Saulers Vorgesetzter Klemens Hotz dessen Verdienste in 33 Jahren und drei Monaten, in denen die Jugendarbeit große Veränderungen durchgemacht habe: "Gesellschaftliche Entwicklungen wirken sich auf unsere Arbeit direkt aus." Dabei sei Sauler Neuerungen gegenüber stets offen gewesen, ohne gleich jeder Mode unkritisch nachzulaufen.

Lob für eine Erfolgsgeschichte

Sauler habe "den Geist des Kinder- und Jugendhilfegesetzes gelebt". Neben den Schwerpunkten Medien- und Erlebnispädagogik rage das Nachbarschaftshaus durch sein bürgerschaftliches Element heraus: "Das ist eine Erfolgsgeschichte."

In der Art, dieses Haus zu führen, sei Sauler sowohl konflikt- als auch kompromissbereit gewesen: "Seine Beiträge waren sperrig, eigenwillig und originell." Sauler entspreche dem Bonmot, wonach ein Optimist ein Mensch sei, "der die Dinge nicht so tragisch sieht, wie sie sind".

Für die Kollegen dankt Saulers Vize Willie Johnson, der ihn bereits seit 33 Jahren kennt: "Wir lernten uns bei der Eingangsuntersuchung kennen." Nie hätte er gedacht, dass beide so lange zusammenarbeiten würden. Sie hätten viel überstanden, auch harte Zeiten im Jugendhaus Vogelstang, "wo man auch richtig Angst hatte". Dabei sei ihr beider Übereinkommen für die Kollegen sicher nicht immer einfach gewesen gemäß dem Sprichwort: "Wenn zwei Elefanten Ball spielen, leidet das Gras." Für Rheinau wiederum gelte, dass Sauler immerhin drei Generationen Jugendlicher geprägt habe.

Humorvoller Rückblick

Der Jubilar selbst blickt mit viel Humor zurück. Dabei will er sein Berufsleben "nicht schön erinnern", betont er: "Ich gehöre nicht zu denen, die arbeiten, um sich zu verwirklichen, sondern, weil sie nicht mit goldenen Löffeln geboren wurden." Doch er sei stets dem Rat von Camus gefolgt: "Was Du nicht verändern kannst, das musst Du lustvoll machen." So habe er gerne gearbeitet. Und das sei keineswegs "die Amnesie eines Optimisten".

Überhaupt zeigt sich Sauler ausgesprochen hintersinnig: "Bis man begreift, wie alles so läuft, ist die Dienstzeit schon vorbei", scherzt er. Und er nimmt auch die Einladung auf die Schippe, die man als Ruheständler erhält, nämlich gerne einmal wieder vorbeizuschauen: "Beim ersten Mal ist man noch willkommen, beim zweiten zeitlich ungünstig, beim dritten nur noch lästig."

So lädt Sauler lieber seinerseits die Weggefährten ein, ihn in seinem Haus in Zwingenberg zu besuchen, in dem er sich künftig handwerklich betätigen und in dessen Garten er aktiv werden will. Doch man sollte sich zuvor anmelden, denn er will darüber hinaus auch viel wandern.

© Mannheimer Morgen, Mittwoch, 27.03.2013 (Veröffentichung mit Genehmigung von Herrn Groß)